Escarraman
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Der Bass, den ich kaputtoptimiert habe
Eine Geschichte über dumme Absichten, schlechte Entscheidungen und einen Sandberg S1, der trotzdem überlebt hatIm August 1992 baute mir Holger Stonjek einen Sandberg S1. Damals sah er noch völlig anders aus als heute. Ein einzelner Bartolini Soapbar Pickup, aktive 3 Band Elektronik, durchgehender Hals und eine wunderschöne Vogelaugenahorndecke. Für mich war er damals einer der schönsten Bässe, die ich je gesehen hatte. Das war Vollendung. Blöd nur, dass ich mit meinen 24 Jahren alles andere außer vollendet war. Leider hatte ich zu dieser Zeit bereits ein Problem.
Ich war fest davon überzeugt, dass mein großes Vorbild Carles Benavent seinen Ton hauptsächlich seinem Instrument verdankte. Heute weiß ich, dass der größte Teil seines Sounds in seinen Händen, seinem Verstärker und vor allem in ihm selbst steckte. Damals wusste ich das nicht. Also ließ ich den Bass bereits wenige Jahre später von Holger umbauen. Der Steg wanderte näher an den Pickup, die Elektronik flog raus und aus dem ursprünglichen Longscale wurde ein Medium Scale Bass. Holgers Kommentar zum Ergebnis lautete lediglich: „Er klingt interessant.“ Rückblickend war das wahrscheinlich die höflichste Form von „Du Vollhonk!“ die ein Bassbauer aussprechen kann.
Mit diesem Bass spielte ich unzählige Gigs und unter anderem 1997 das Pícaro Album Back Home ein. https://album.link/qm3frtcf4mfdm
Kurz danach ging ich für zwei Jahre nach Jakarta. Dort begann meine Leidenschaft für elektronische Musik und der Sandberg trat zum ersten Mal etwas in den Hintergrund. Als ich 1999 nach Deutschland zurückkehrte und zunächst in Wiesbaden landete, begann allerdings die eigentliche Odyssee.
Für meine Produktionen brauchte ich plötzlich mehr Fundament und mehr Druck. Also baute mir Andi Schack um 2001 herum einen zweiten Pickup ein, schmiss den original Bartolini raus und nutzte seine Basstec Pickups. Das funktionierte durchaus gut, aber lange hielt die Zufriedenheit nicht an. Ich lernte Rainer Dobratz kennen, dessen Rough Crystal Pickups damals in aller Munde waren. Also kaufte ich ein Paar davon. Da die Maße nicht passten, erweiterte Sigi Jäger von Human Base* die Fräsungen.
Die Rough Crystals waren allerdings nicht die Offenbarung, die ich erwartet hatte. Also rief ich wieder Rainer an. Der blieb völlig entspannt und erklärte mir stattdessen begeistert seine neueste Entwicklung. Pickups mit acht Litzen, unterschiedlich verschaltbar und voller Möglichkeiten. Genau das, was ein Mensch wie ich natürlich unbedingt brauchte. Also kaufte ich gleich vier Stück davon...
Für die neuen Fräsungen landete der Bass bei Magnus Krempel. Magnus baute die Pickups ein und entwickelte eine erstaunlich raffinierte passive Schaltung, mit der sich unzählige Kombinationen abrufen ließen. Das Problem war nur: Je mehr Möglichkeiten ich hatte, desto weniger wusste ich, welchen Sound ich eigentlich wollte.
Dann kam der Moment, für den ich mich bis heute schäme.
Irgendwann hatte ich bei Sandberg einen Testbass gesehen, bei dem eine große Fräsung verschiedene Pickup Positionen ermöglichte. Sandberg hatte dafür eine professionelle Werkstatt. Ich hatte eine Bohrmaschine und deutlich mehr Selbstvertrauen als handwerkliches Talent.
Das Ergebnis war ein riesiges, unsymmetrisches, hässliches Loch mitten im Bass.
Vermutlich die dümmste Entscheidung meiner gesamten Musikerlaufbahn.
Am Ende stellte sich nämlich heraus, dass ich von den vier Pickups ohnehin nur zwei benutzte.
Also musste erneut jemand retten, was ich angerichtet hatte. Diesmal war es Christoph Dolf. Er baute eine Ramp, die das Chaos halbwegs verdeckte, und entwickelte außerdem, auf meinen Wunsch, eine neue Bridge Lösung mit Einzelstegen und Toploader Konstruktion. Schön war das alles nicht unbedingt, aber es funktionierte.
2008 traf ich dann die Entscheidung, die ich noch mehr bereuen sollte als die Bohrmaschine.
Ich tauschte den Sandberg gegen einen fünfsaitigen Clover Fretless ein. Objektiv betrachtet war der Clover wahrscheinlich sogar der bessere Bass. Er hatte Druck, Fundament und passte perfekt zu der Progressive Rock Musik, die ich damals spielte. Aber ihm fehlte etwas, das man nicht kaufen kann. Geschichte. Persönlichkeit. Seele.
Anderthalb Jahre später wollte ich den Sandberg zurückkaufen.
Da erfuhr ich, dass er gestohlen worden war. Wer klaut so einen Bass der unter 1000 Bässen sofort herausstach?
Damit war er für mich nicht mehr einfach ein Instrument. Er war plötzlich jemand, der verschwunden war. Missing in Action.
Sechzehn Jahre lang suchte ich nach ihm.
Und dann tauchte er plötzlich im März 2024, an meinem Geburtstag, in Kleinanzeigen wieder auf.
Am 7. April 2024 kaufte ich ihn zurück. Für vermutlich viel zu viel Geld. Aber manche Dinge kauft man nicht mit dem Verstand.
Der Bass befand sich praktisch im gleichen Zustand wie sechzehn Jahre zuvor. Es war offensichtlich, dass ihn in all den Jahren kaum jemand gespielt hatte.
Diesmal wollte ich nicht mehr irgendeiner Theorie hinterherlaufen. Ich nutzte die große Narbe und probierte verschiedene Pickups und Pickup Positionen aus, hörte genauer hin und landete schließlich bei einer Lösung, die mein jüngeres Ich vermutlich als Ketzerei betrachtet hätte: ein einzelner EMG Humbucker mit aktiver Zweiband Elektronik.
Und ausgerechnet das funktionierte.
Zum ersten Mal hatte ich nicht den Ton von jemand anderem im Kopf. Sondern meinen eigenen.
Nur das riesige Loch war noch immer da.
Die Lösung kam ausgerechnet von ChatGPT. Ich zeigte ChatGPT ein Foto und sagte in etwa: "Löse das Loch Problem."
Raus kam ein Foto mit ein Pickguard. Die Idee war so simpel.
Christoph Sticht in Groß Gerau setzte sie um, richtete den Pickup nach meinem Wunsch neu aus und überarbeitete sogar die Brückenkonstruktion so geschickt, dass heute alles wirkt, als hätte es nie anders ausgesehen.
Und da hängt er nun.
Mein Sandberg S1. Mit einer versteckten Narbe und einer wiedergewonnenen Würde.
Ein Bass, der von Holger Stonjek gebaut, von Andi Schack, Sigi Jäger, Magnus Krempel, Christoph Dolf und Christoph Sticht bearbeitet wurde, dazwischen von Rainer Dobratz inspiriert, von mir missverstanden, verschlimmbessert, verkauft, verloren, wiedergefunden und schließlich doch noch zu dem geworden ist, was er wahrscheinlich von Anfang an hätte sein sollen:
Ein Instrument mit einer eigenen Geschichte.
Und die wichtigste Erkenntnis?
Um gute Entscheidungen treffen zu können, braucht man Erfahrung.
Das Problem ist nur, dass man Erfahrung meistens nur durch schlechte Entscheidungen sammelt.
Dieser Bass ist dafür der beste Beweis, den ich kenne.
*) Affiliate/Werbung

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